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Das eigene Erleben hilft positive Effekte zu verstehen - Tiergestützte Arbeit fördert Wohlbefinden und Gesprächsanlässe

Schulwerk: Es geht nicht um Tiertherapie für Menschen mit Demenz, sondern…?

Anna Mühling: In meinen Fort- und Weiterbildungen geht es darum, dass die Teilnehmenden erkennen, was die Kombination Tiere und Menschen mit Demenz erreichen und was sie verbessern kann. Für welche Themenfelder kann sie der Türöffner sein, die sonst nicht zur Sprache kämen? Mir ist es wichtig, dass die Teilnehmenden das selbst erleben. Was macht es mit mir, wenn ein Tier anwesend ist? Oder wenn ein Tier auf mich zukommt und um Aufmerksamkeit bittet? Oder es sich an meine Füße legt. Was macht das mit meiner Gefühlwelt? Es ist hilfreich zu verstehen, warum das für Menschen mit Demenz wertvoll sein kann.

Den Menschen eine schöne Zeit verschaffen

Schulwerk: Was kann mit tiergestützter Arbeit bei Menschen mit Demenz erreicht werden?

Anna Mühling: Für mich ist das Wichtigste: Es geht nicht darum, die Fähigkeiten der Menschen mit Demenz zu fördern. Ziel ist es, den Menschen eine gute Zeit zu verschaffen, damit es ihnen eine begrenzte Zeit besser geht. Dieser Effekt kann Studien zufolge sogar noch über den Besuch hinaus anhalten. Viele erleben durch den Kontakt mit den Tieren ein wohliges Gefühl, weil jemand neugierig ist und einen so annimmt, wie man ist. Das ist der Kern der Sache: Tiere sind vorurteilsfrei. Sie können aber auch einen anderen Zugang zu den Menschen eröffnen.

Wir haben auf dem Gutshof den Luxus, dass die Menschen tiergestützte Interventionen nicht nur mit Hunden erleben können, sondern auch mit den Bauernhoftieren wie Schafe, Hühner, Pferde und Ponys. Das sind Tiere, die viele Menschen der jetzigen älteren Generation aus ihrer Kindheit kennen. Über die Erinnerung können andere, teils unverhoffte Gesprächsanlässe entstehen. Es sind ganz oft die Hühner, die besondere Episoden wachrufen. „Erinnerst du dich noch an den Hahn, der früher auf dem Hof immer hinter uns hergejagt ist und uns in den Popo gepiekt hat?“ Ganz Unterschiedliches kann dabei zum Vorschein kommen, wenn sie einem Tier auf Augenhöhe begegnen.

Tiergestützte Intervention schließt aber bettlägerige Menschen nicht aus, die sich vielleicht gar nicht mehr äußern können. Dann ist es unter Umständen der Hund, der seinen Kopf an deren Hand schmiegt oder man spürt das Atmen des Hundes, man spürt die Wärme. Es ist etwas anderes, ob dort eine Wärmeflasche oder ein Lebewesen liegt.

Schulwerk: Gibt es Grenzen beim Einsatz tiergestützter Arbeit?

Anna Mühling: Nicht alle Menschen wollen gerne von Tieren besucht werden. Das muss man vorher abklären und reflektieren, ob der Tierbesuch für eine Person sinnvoll ist oder nicht. Ganz wichtig ist die Entscheidung des betroffenen Menschen und diese wird natürlich akzeptiert.

Man sollte wie bei jedem anderen Angebot hinterfragen: Passt es zur Person oder wäre eine andere Maßnahme passender? Tiergestützte Intervention ist einer von ganz vielen Wegen der nicht-medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten.

Es geht um die Selbstwahrnehmung

Schulwerk: Welche Rolle spielt tiergestützte Arbeit in den Fortbildungen und Vorträgen?

Anna Mühling: Wenn es gewünscht ist, bringe ich gerne meine Hunde mit. Sie sind geübt darin, mit Menschen umzugehen. Die Vorteile, die Hunde bei Seminaren und Vorträgen mitbringen. Sie lassen sich kraulen, sie sorgen für gute Laune und für Abwechslung. Sie haben einen gewissen Unterhaltungswert, wenn sie beispielsweise etwas aus meiner Erinnerungsecke klauen. Sie helfen aber auch dabei, sich zu fokussieren. Man kann sich besser konzentrieren, wenn man nebenbei einen Hund krault. Man ist im Hier und Jetzt.

Wenn wir auf dem Gutshof eine Veranstaltung haben, können wir uns zum Beispiel in den Schafstall setzen. Hier geht es in erster Linie um Selbstwahrnehmung. Die Teilnehmenden reflektieren: Ist mir das zu eng? Wie unterschiedlich sind die Tiere? Warum kommen manche Schafe weniger gern zu den Menschen? Welche Tiere könnten am besten zu den Menschen mit Demenz passen? Und kann man das überhaupt festlegen? Sie können einen Eindruck davon bekommen: Was macht das unterschiedliche Verhalten der Tiere mit mir?

Ein Lerneffekt ist auch, dass die Wahrnehmungen innerhalb einer Gruppe sehr unterschiedlich sein können. Stehen fünf Menschen in einem Stall, kann man am Ende fünf Meinungen bekommen. Daher braucht man eine gewisse Vorkenntnis, um das passende Tier oder Tierart für eine Person mit Demenz auszuwählen. Bei unserer Tiervielfalt auf dem Hof haben wir die Möglichkeit, ein entsprechendes Tier ausfindig zu machen.

Das eigene Erleben ist der beste Weg zur Vorbereitung

Auch die Vorbereitungen für einen Tierkontakt müssen stimmen. Menschen mit Demenz haben kognitive Einschränkungen bzgl. des Einschätzens von Gefahren und Sicherheit. Was bräuchte es also für Vorkehrungen, wie müssten die Rahmenbedingungen aussehen? Oder würde ich eine Tierart direkt ausschließen? Der beste Weg, diese Themen zu reflektieren, ist es, es selbst auszuprobieren. Wir wollen damit helfen, die Themen strukturiert anzugehen.

Schulwerk: Was kann man sich unter tiergestützter Arbeit mit Hühnern, Schafen & Co. vorstellen?

Anna Mühling: Das Wichtigste sind das Fühlen und das Riechen. Wie fühlen sich die Tiere an? Wie fühlt sich das an, wenn Tiere Futter aus der Hand nehmen oder picken. Wie fühlen sich Schafe an, wenn man sie krault? Wie fühlen sich meine Hände an, wenn ich ein Schaf mit seiner gut gefetteten Wolle gekrault habe? Es geht darum, die Sinne zu schärfen und zu wecken.

Auch Entscheidungsfreiheit und Selbstbestimmung können durch die Arbeit mit den Tieren geschärft werden, indem ich den Menschen mit Demenz die Wahl lasse und ihre Entscheidung akzeptiere: In welchem Rahmen fühlen sie sich sicher? Wie viel trauen sie sich zu? Möchten sie in direkten Kontakt zu den Tieren treten? Oder was möchten sie einfach gar nicht? Wahlmöglichkeiten müssen sein. Das erleben Menschen mit Demenz ganz oft im Alltag nicht mehr, weil ihnen viele Dinge abgenommen werden.

Tiergestützte Interventionen sind auch ein Ausprobieren und ein Wachsen. Statt die Tiere nur aus einem sicheren Bereich heraus zu beobachten oder durch den Zaun hindurch zu streicheln, könnten Menschen mit Demenz beispielsweise die Schafe mit verschiedenen Sachen füttern. Oder man versteckt Futter, das die Katzen suchen dürfen. Eine weitere Möglichkeit ist, mit den Schafen auf der Wiese spazieren zu gehen. Oder sich von Hühnern Futter aus der Hand picken zu lassen.

Auch praktische Dinge können spannend sein. Da liegen beispielsweise noch Eier im Hühnerstall, die man gemeinsam rausholt und aus den Eiern direkt Rührei macht. Oder man verwendet Materialien, die man zur Verfügung hat: Man kann aus Hühnerfedern oder Schafwolle etwas herstellen. Womöglich hat man Personen, die sogar spinnen können. Man lässt sich überraschen, was plötzlich zum Vorschein kommen kann.

Fokus liegt auf Wohlbefinden, Entscheidungsfreiheit und Selbstbestimmung

Schulwerk: Wenn die Seminarbesucher*innen keine Tierbesitzer*innen sind: Inwiefern können sie von dem Baustein profitieren?

Anna Mühling: Wenn man selbst keine Tiere hat, kann man für tiergestützte Interventionen im privaten Bereich in der Umgebung nach Angeboten Ausschau halten. Es gibt mittlerweile viele Personen, die sich in diesem Sektor weitergebildet haben und Besuche zuhause oder in Pflegeeinrichtungen anbieten. Sie arbeiten in erster Linie ganz oft mit Hunden. Es gibt aber auch immer mehr, die mit Kaninchen, Meerschweinchen und Hühnern – oft auch mobil – unterwegs sind. Im beruflichen Kontext in Pflegeeinrichtungen oder in Schulen gibt es professionelle Teams, die so etwas im großen Rahmen anbieten können, die auch unter anderem darin geübt sind, mit Gruppen zu arbeiten.

Unsere Seminare bieten eine Anregung, diesen Weg der Interventionen auszuprobieren. Und wenn man merkt, dass es einem Menschen wirklich guttut, wenn er Kontakt zu Tieren hat, findet man vielleicht sogar Möglichkeiten, ihm das in regelmäßigen Abständen zu ermöglichen – zielgerichtet mit einem gewissen Fokus auf Wohlbefinden, Entscheidungsfreiheit und Selbstbestimmung. Das sollte der Kern der Einheiten sein.

Die Aufgaben des Demenzsimulators zu bewältigen, war nicht so einfach, wie es aussieht. Jetzt kann ich mir gut vorstellen, dass es ganz schön schwierig sein muss dement zu sein und sich mit einer Demenz abfinden zu müssen. Auf der anderen Seite war es ein gutes Erlebnis. Trotzdem ich weit davon entfernt war, die Aufgaben zu schaffen, konnte ich sehr über mich lachen. Das war Scheitern hoch zehn. Ich bin selten so gerne gescheitert.

Bianca Hilmer
Kolping Verwaltungsgesellschaft mbH

Die Teilnahme am Demenzsimulator hat mir gezeigt, wie frustrierend es sein kann, wenn scheinbar einfache oder alltägliche Dinge nicht gelingen wollen. Daran versuche ich mich zu erinnern, wenn ich mit älteren Menschen in meinem Umfeld drohe die Geduld zu verlieren. Ich selbst werde wohl in ein paar Jahren auf Klettverschluss oder noch besser magnetische Verschlüsse bei Schuhen, Jacken, … umsteigen!

Sandra Schirmer
Referentin der Geschäftsführung, Kolping-Bildungswerk Paderborn gGmbH

Der Demenzsimulator war für mich eine wertvolle, selbstironische Erfahrung und hat mir die Begrenztheit meiner eigenen Fähigkeiten deutlich vor Augen geführt. Die Teilnahme daran hat mir große Freude bereitet, macht aber auch deutlich, warum Menschen mit Demenz für vermeintlich banale Aufgaben so lange brauchen. Das vergesse ich in der Dynamik des Alltags im privaten und beruflichen Umgang mit Menschen mit Demenz schon mal. Ich habe für mich mitgenommen, dass ich meinen Anspruch an Geschwindigkeit runterschrauben muss, sonst überfordere ich die Betroffenen massiv. Der Simulator hat die Wahrnehmung und damit auch den Respekt dafür geschärft, vor welchen Herausforderungen die Betroffenen stehen und was sie im Alltag leisten müssen.

Daniel Frattollino
Lehrer am Theresia-Gerhardinger-Berufskolleg Warburg-Rimbeck

Wie erschreckend schnell man an den Stationen an die Grenzen seiner Handlungsfähigkeit kommt. Wie schnell man Hilflosigkeit empfindet, weil man bei trivialen Aufgaben nicht mehr Herr seiner Handlungen zu sein scheint und an scheinbar winzigen, alltäglichen Hürden scheitert – das hat mich stark zum Nachdenken angeregt. Die Perspektive demenzkranker Menschen zu übernehmen und dadurch zumindest für einen Moment Gefühle wie Verwirrung, Selbstzweifel und Wut zu durchleben, hat bei mir einen langanhaltenden und tiefen Eindruck hinterlassen.

Sebastian Böhlen
Pädagogisches Team „Start off“