Demenz lässt uns staunen,
weinen
und manchmal herzhaft lachen.

Über uns

Optimismus und Demenz – wie passt das zusammen?

Den Menschen eine positive Sicht auf das Thema Demenz und den Umgang mit Menschen mit Demenz näherzubringen, ist mein Herzensanliegen. Dabei ist mein Anspruch, individuelle Wege für die Fortbildungsteilnehmenden und deren unterschiedliche Kontexte und Situationen zu finden. Hierbei liegt der Fokus auf der Stärkung von vorhandenen Fähigkeiten und auf kreativen Herangehensweisen.

Meine Passion für das Thema Demenz wurde beim Studium der Sozialen Arbeit an der Universität Kassel geweckt. Bereits hier war ich in jedem Seminar zu dem Themenfeld anzutreffen. Ob zur Forschung rund um Menschen, die eine Demenzdiagnose erhalten, während sie noch voll berufstätig sind. Ob bei gartentherapeutischen Angeboten für Menschen mit Demenz in Pflegeeinrichtungen. Oder bei der Fragestellung, wie sich eine Demenzerkrankung auf die unterschiedlichen Generationen im Umfeld der betroffenen Person auswirkt.

Praktische Erfahrungen sammelte ich während des Studiums im Zentrum für Menschen mit Demenz und Angehörige (ZEDA) in Kassel. Hier durfte ich Gruppen für Menschen mit beginnender Demenz, aber auch mit fortgeschrittener Demenz begleiten und später leiten. Unterstützt habe ich auch die Angehörigen in einer Austauschgruppe. Eine Bereicherung für beide Seiten: Wir haben gegenseitig von unserem Wissen profitiert. Ob Angehörige oder Menschen mit Demenz: In Beratungen war mein Anspruch immer, eine individuelle Unterstützungsmöglichkeit zu finden. Was könnte der Person in ihrer individuellen Situation helfen und guttun? Das herauszufinden, darauf lag mein Augenmerk.

In diesem Feld war ich auch nach meinem Studium mehrere Jahre tätig. Ich durfte meine Leidenschaft für Vorträge und Weiterbildungen entdecken und die Begeisterung für das Thema Demenz bei Besuchsdiensten, Pflegediensten und in Schulen verbreiten.

Wenn Anna Mühling von ihrem Arbeitsschwerpunkt erzählt, merkt man ihr ihre Begeisterung sofort an. Senioren und Demenz – für andere ein Tabuthema, für sie eine Thematik, die auch bereichernde Aspekte hat. Im Interview verrät Anna Mühling, warum sie von ihrer Arbeit fasziniert ist, wie sich ihr Blick auf das Leben verändert hat und warum das Thema Demenz für das Kolping Schulwerk relevant ist.

Anna Mühling ergänzt seit März 2023 das Schulwerkteam als Fachreferentin für die Schwerpunkte „Senioren und Demenz". Shih-Tzu-Zwergspitz-Mix Emma ist ihre treue Begleiterin.

Anna Mühling bereitet auf den Umgang mit Menschen mit Demenz vor – für den professionellen und privaten Kontext

Anna Mühling ist seit März 2023 Teil des Schulwerkteams – angesiedelt am Gutshof Großeneder. Wenn die Kasselerin von ihrem Arbeitsschwerpunkt erzählt, merkt man ihr ihre Begeisterung sofort an. Senioren und Demenz – für andere ein Tabuthema, für sie eine Thematik, die auch bereichernde Aspekte hat. Durch Zufall war sie als Sozialpädagogikstudentin an der Uni Kassel in einem Seminar gelandet, in dem es darum ging, Interviews mit Familien zu führen, in denen eine Person im Frühstadium von einer Demenz betroffen war. Das hat der 33-Jährigen so gut gefallen, dass sie ein Praktikum in der projektbeteiligten Beratungsstelle anschloss – und dort ein Vierteljahr länger blieb, als sie studienbedingt gemusst hätte. Und so nahm ihre Spezialisierung ihren Lauf. Und mündete in ihre Tätigkeit für das Kolping Schulwerk als Fortbildungsreferentin und Ansprechpartnerin für Ratsuchende.

Im Interview verrät Anna Mühling, warum sie von ihrer Arbeit fasziniert ist, wie sich ihr Blick auf das Leben verändert hat und warum das Thema Demenz für das Schulwerk relevant ist.

„Am Ende ist dieses Thema relevant für alle“

Schulwerk: Was bedeutet deine Tätigkeit für das Schulwerk?

Mühling: Die Auszubildenden in den sozialen Berufen, seien es Heilerziehungspfleger*innen oder Sozialassistent*innen, können alle im beruflichen Kontext mit Menschen mit Demenz in Kontakt kommen. Für diese Gruppen ist es total hilfreich, auf dieses Thema spezieller vorbereitet zu werden. Dafür kann ich viele Erfahrungen aus der Praxis mitbringen. Zudem wird dieses Thema für alle relevant sein, denn es wird perspektivisch immer mehr Menschen mit Demenz geben. Es ist daher wertvoll, wenn man in seiner Institution interne Schulungen für seine Mitarbeitenden anbieten kann. Zu guter Letzt ist das auch eine Bereicherung für Kolping-Mitarbeitende, für die Demenz privat ein Thema ist. Ich bin die Ansprechperson, an die sie sich mit Fragen wenden und ein Gespräch bekommen können.

Schulwerk: Was hast du im Portfolio?

Mühling: Ich habe Fortbildungen rund um das Thema Demenz konzipiert: Umgang mit Menschen mit Demenz, das Krankheitsbild, was bedeutet das für die Angehörigen, was bedeutet Demenz speziell für Menschen mit Behinderung, was kann ich im Alltag vereinfachen, wie kann Erinnerungsarbeit helfen? Diese spezialisierten Themen umfassen das breite Spektrum, das ich mitbringe, wenn eine Gruppe Interesse an einer Fortbildung hat. Je nach Zeitkontingent und Kenntnisstand kann ich das Fortbildungsprogramm individuell zusammenstellen. Das ergänze ich mit ausgewählten Stationen des Demenzsimulators. Mit seiner Hilfe verstehen die Menschen, dass es richtig schwierig und anstrengend ist, wenn man eine Demenz hat. Das öffnet so viele Augen. Auch tiergestützte Pädagogik kann ich bei Menschen mit Demenz einsetzen. Weil Tiere ohne Vorurteile auf Menschen zugehen, kann zum einen ein positiver Kontakt entstehen, der oft nachwirkt. Zum anderen haben viele ältere Menschen früher auf einem Bauernhof gewohnt oder hatten Höfe in der Nähe. Bauernhoftiere wecken daher oft Erinnerungen, die helfen, mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Durch die Erlebnisse mit den Tieren entsteht schnell eine Vertrauensbasis, die diese gemeinsame Zeit sehr wertvoll macht.

Schulwerk: Ist Demenz auch schon ein Thema für den Kindergarten?

Mühling: Für mich ist Demenz ein Thema für alle Altersstufen. Es gibt unfassbar tolles Lehrmaterial bereits für den Kindergarten. Das Thema ist hier schon relevant, weil es vielleicht die Uroma oder der Uropa ist, die sich anders verhalten oder die Nachbarin, die immer komische Sachen macht und man sich als Kind vielleicht schnell fürchtet. Es kann helfen, wenn Kinder verstehen, dass ältere Menschen sich komisch verhalten können, es aber nicht böse meinen und es nicht bedrohlich ist.

„Für mich hat Demenz kein Stigma“

Schulwerk: Warum hat dich das Thema Demenz gereizt?

Anna Mühling: Ich habe so viele tolle Menschen mit Demenz kennengelernt, dass es für mich das Stigma – Demenz ist etwas Schlechtes, Schlimmes und negativ Behaftetes – nicht wirklich gab. Ich habe stattdessen immer die Person gesehen, die ehrlich in ihrer Rückmeldung ist, die direkt reagiert, der man nicht groß was vormachen kann und die meistens den Schalk im Nacken hat. Am meisten hat mich fasziniert, dass es oftmals Menschen sind, die an den kleinen Dingen Spaß haben. Sich über kleine Erfolge freuen können. Die nicht darüber nachdenken, was das für Konsequenzen haben könnte. Die im Hier und Jetzt sind. Das kann auch heißen, dass man den Sahnekuchen mit den Fingern isst und sich darüber freut, dass es so lecker ist. Es hat mich gelehrt, Dinge gelassen zu nehmen. Was mich am Ende überzeugt hat: Es ging im direkten Kontakt immer nur darum, mit den Menschen eine möglichst schöne Zeit zu haben: mit den Menschen mit Demenz Spaß zu haben und die Angehörigen zu entlasten. Ich hatte nicht den Druck, dass ich da noch was rausholen muss. Der Schwerpunkt in der Kinder- und Jugendarbeit beispielweise ist ein ganz anderer: Die Förderung steht ganz weit vorne. Im Bereich Demenz geht es schon auch darum, Alltagsfähigkeiten zu erhalten oder Fähigkeiten wieder hervorzuholen. Aber die Menschen haben ihr Leben gelebt und das, was sie jetzt noch haben, darf – ohne Druck – so schön wie möglich sein.

Bittersüße Situationen

Schulwerk: Demenz ist ein Thema, das vielen Angst macht. Welche schönen Seiten bringt die Beschäftigung mit dem Thema mit sich?

Mühling: Bei Menschen mit Demenz ergibt sich, wenn man es sich von außen angucken kann, eine unfassbare Situationskomik. Das heißt nicht, sie ins Lächerliche zu ziehen, sondern sie schaffen es durch ihre oft unbekümmerte Art, Situationen hervorzurufen, die einfach zum Schießen komisch sind. Es sind bittersüße Momente, in denen man einfach auch schmunzeln darf, ohne jemanden bloßzustellen. Dadurch wird die Stimmung gelassen und entspannt. Es macht das Leben leichter, wenn man das mit einem gewissen Humor nehmen kann. Eine Angehörige hat von ihrem Mann erzählt, der mehr als 20 Jahre an einer Demenz erkrankt war. Sie ist mit ihm noch nach Ägypten geflogen, als die Demenz schon weiter fortgeschritten war. Dort hat er immer allen erzählt, dass er die Pyramiden erbaut hat – alles deutsche Handwerkskunst. Und die anderen Urlauber hätten mitgespielt und sich gefreut, „endlich mal den Bauherren kennenlernen zu dürfen“. Das ist für mich ein Beispiel dafür, dass man ein gutes Leben haben kann, wenn man sich drauf einlässt.

Natürlich gibt es auch die unschönen Momente, die man auch erlebt: Menschen, die tieftraurig sind und die man nicht aus ihrem Schneckenhaus bekommt. Die wütende Person, die an der Scheibe steht und dagegen hämmert, weil sie einfach nur raus will. Das sind Momente, in denen bekomme ich auch schon mal kurz einen Adrenalinschub, weil man schnell innerlich abwägen muss, was ist jetzt schlau? Es ist meiner Meinung nach wichtig, dass man darauf vorbereitet wird – ob im professionellen oder privaten Kontext – und Ideen an die Hand bekommt. Man lernt beide Seiten kennen: die netten, lustigen und einfachen Situationen, aber auch die, die unfassbar herausfordernd sind, die nicht immer gut händelbar und lösbar sind. Dieser Wechsel macht für mich aber auch einen Reiz aus. Das kann ich aus einem professionellen Kontext heraus sagen. Anders als Angehörige beschäftige ich mich mit Menschen mit Demenz immer nur in einem bestimmten Zeitfenster, was mit dem herausfordernden Alltag in den Familien recht wenig zu tun hat. Und ich habe den Luxus: Ich kannte die Menschen vorher nicht. Ich weiß nicht, wie sie vor ihrer Erkrankung waren. Das ist ein ganz großer Glücksfall, weil man die Menschen genauso nehmen kann, wie sie sind.

Genießen ohne Hintergedanken

Schulwerk: Hat sich dein Blick auf das Leben verändert?

Mühling: Es hat dazu geführt, dass ich im persönlichen-familiären Bereich mit Erkrankungen, mit Älterwerden und mit Demenz sehr entspannt umgehen konnte. In der Zeit, die ich mit meinem demenzerkrankten Opa verbracht habe, war es total egal, ob es sinnvoll war oder nicht, was wir gemacht haben. Reicht es vielleicht auch aus, wenn es der Person einfach gerade guttut? Das hat dazu geführt, dass die Demenz nie eine Rolle gespielt hat. Ich glaube, ein Ausbruch aus dem Alltag tut jedem gut. Das habe ich für mein Leben mitgenommen. Genießen ohne Hintergedanken.

Schulwerk: Was genießt du in deiner Freizeit besonders?

Mühling: Ich bin am liebsten in der Natur unterwegs – gehe gerne wandern. Mein größter Schwerpunkt liegt auf meinen Hunden. Mit dem jüngeren mache ich Rettungshundearbeit: Er lernt, verlorene Menschen zu suchen. Die Verbindung zwischen Menschen und Tieren begleitet mich schon seit meinem Studium, als ich bereits mit meinem damaligen Hund in Pflegeeinrichtungen gegangen bin, um Menschen kurze Glücksmomente zu bescheren. Ich habe mich in den ganzen Jahren im Hunde- und Hundetrainingsbereich viel fort- und weitergebildet. Und auch schon länger mit Katrin Rauber, Leiterin des Bereichs tiergestützte Interventionen auf dem Kolping Gutshof in Großeneder, zusammengearbeitet, so dass wir gemeinsam die Pädagogik-Begleithundeausbildung „PädaDOGik“ auf die Beine gestellt haben, die seit Januar 2023 auch unter dem Dach des Kolping Schulwerks zu finden ist. Und so ergab sich aus dem Kontakt heraus die Überlegung, dass der Bereich "Alter und Demenz" auch für das Schulwerk relevant ist…

Die Aufgaben des Demenzsimulators zu bewältigen, war nicht so einfach, wie es aussieht. Jetzt kann ich mir gut vorstellen, dass es ganz schön schwierig sein muss dement zu sein und sich mit einer Demenz abfinden zu müssen. Auf der anderen Seite war es ein gutes Erlebnis. Trotzdem ich weit davon entfernt war, die Aufgaben zu schaffen, konnte ich sehr über mich lachen. Das war Scheitern hoch zehn. Ich bin selten so gerne gescheitert.

Bianca Hilmer
Kolping Verwaltungsgesellschaft mbH

Die Teilnahme am Demenzsimulator hat mir gezeigt, wie frustrierend es sein kann, wenn scheinbar einfache oder alltägliche Dinge nicht gelingen wollen. Daran versuche ich mich zu erinnern, wenn ich mit älteren Menschen in meinem Umfeld drohe die Geduld zu verlieren. Ich selbst werde wohl in ein paar Jahren auf Klettverschluss oder noch besser magnetische Verschlüsse bei Schuhen, Jacken, … umsteigen!

Sandra Schirmer
Referentin der Geschäftsführung, Kolping-Bildungswerk Paderborn gGmbH

Der Demenzsimulator war für mich eine wertvolle, selbstironische Erfahrung und hat mir die Begrenztheit meiner eigenen Fähigkeiten deutlich vor Augen geführt. Die Teilnahme daran hat mir große Freude bereitet, macht aber auch deutlich, warum Menschen mit Demenz für vermeintlich banale Aufgaben so lange brauchen. Das vergesse ich in der Dynamik des Alltags im privaten und beruflichen Umgang mit Menschen mit Demenz schon mal. Ich habe für mich mitgenommen, dass ich meinen Anspruch an Geschwindigkeit runterschrauben muss, sonst überfordere ich die Betroffenen massiv. Der Simulator hat die Wahrnehmung und damit auch den Respekt dafür geschärft, vor welchen Herausforderungen die Betroffenen stehen und was sie im Alltag leisten müssen.

Daniel Frattollino
Lehrer am Theresia-Gerhardinger-Berufskolleg Warburg-Rimbeck

Wie erschreckend schnell man an den Stationen an die Grenzen seiner Handlungsfähigkeit kommt. Wie schnell man Hilflosigkeit empfindet, weil man bei trivialen Aufgaben nicht mehr Herr seiner Handlungen zu sein scheint und an scheinbar winzigen, alltäglichen Hürden scheitert – das hat mich stark zum Nachdenken angeregt. Die Perspektive demenzkranker Menschen zu übernehmen und dadurch zumindest für einen Moment Gefühle wie Verwirrung, Selbstzweifel und Wut zu durchleben, hat bei mir einen langanhaltenden und tiefen Eindruck hinterlassen.

Sebastian Böhlen
Pädagogisches Team „Start off“